Vom Oma-Hobby zum Trend
Stricken hatte lange ein verstaubtes Image: Omas Socken, kratzige Pullover, Handarbeitsunterricht. Heute sitzen Studentinnen neben Rentnerinnen im Wollcafé, Informatiker stricken in der Mittagspause, und auf Instagram schauen Zehntausende zu, wie ein Pullover Masche für Masche entsteht.
Warum gerade jetzt? Die Antwort ist nicht ein einzelner Grund, sondern ein Bündel: Stress und Bildschirmmüdigkeit, der Wunsch nach nachhaltiger Kleidung, die Sehnsucht nach echter Gemeinschaft – und nicht zuletzt eine Modewelt, die Strick wieder feiert.
Stricken statt Scrollen
Unser Alltag ist voll: Push-Nachrichten, Termine, endlose Feeds. Stricken ist das Gegenprogramm. Die Hände sind beschäftigt, der Blick ruht auf der Wolle, das Handy liegt beiseite.
Viele beschreiben das Gefühl so: Die Gedanken hören auf zu kreisen. Die gleichmäßige Bewegung von Nadel und Faden wirkt wie eine Meditation, die man nicht erst lernen muss. Wer strickt, ist ganz im Moment – und hat am Ende trotzdem etwas in der Hand.
Genau das unterscheidet Stricken von vielen anderen Entspannungsmethoden: Es beruhigt und schafft zugleich etwas Sichtbares. Nach einem Abend auf dem Sofa ist der Ärmel ein Stück länger. Dieses kleine Erfolgserlebnis tut gut.
Was die Forschung sagt
Dass Stricken gut tut, ist nicht nur ein Gefühl – die Wissenschaft interessiert sich zunehmend dafür:
- Ruhe und Struktur: Eine Studie der Universität Göteborg (2024) zeigt, dass Stricken Menschen mit psychischen Belastungen hilft, abzuschalten, und ihrem Alltag Struktur gibt. Die Forschenden sehen darin ein Potenzial, das das Gesundheitssystem ernst nehmen sollte.
- Mehr Aufmerksamkeit: Am neurologischen Institut Carlo Besta in Mailand wurde 2023 untersucht, wie Stricken auf das Gehirn wirkt. Ergebnis: Bei regelmäßigen Strickerinnen steigert schon eine kurze Session die Aufmerksamkeit – auch noch danach.
- Wohlbefinden und Kontakte: Eine internationale Befragung von Strickenden kommt zu dem Schluss, dass das Hobby deutliche psychische und soziale Vorteile bringt.
Sogar Kliniken greifen den Trend auf: Laut NZZ setzen auch Zürcher Psychiatrien auf Handarbeit. Ein Ersatz für Therapie ist Stricken natürlich nicht – aber ein wertvoller Baustein für mehr Gelassenheit.
Selbstgemacht statt Fast Fashion
Billigmode, die nach drei Wäschen aus der Form ist, passt für viele nicht mehr ins Weltbild. Wer strickt, entscheidet selbst: welches Garn, welche Farbe, welche Passform. Ein handgestrickter Pullover wird nicht achtlos weggeworfen – man trägt ihn jahrelang, flickt ihn und gibt ihn vielleicht sogar weiter.
Dazu kommt die Freude am Unikat. Kein Stück gleicht dem anderen, und hochwertige Naturgarne wie Merino, Alpaka oder Leinen fühlen sich einfach anders an als Synthetik von der Stange. Das Magazin profil beschreibt Stricken für die Gen Z deshalb auch als Haltung: gegen Wegwerfmode und für bewussten Konsum.
Gemeinsam stricken – vor Ort und online
Stricken verbindet Generationen. In Wollcafés und Strickrunden sitzen junge Mütter neben Studentinnen und erfahrenen Strickerinnen. Man hilft sich bei der verlorenen Masche, tauscht Anleitungen aus und kommt ganz nebenbei ins Gespräch. Gerade in Zeiten, in denen viele über Einsamkeit klagen, ist das ein echter Gewinn.
Auch online wächst die Community rasant. Auf Instagram, TikTok und YouTube zeigen Strick-Influencerinnen ihre Projekte, Plattformen wie Ravelry bieten Tausende Anleitungen, und Knitalongs – gemeinsames Stricken nach derselben Anleitung – bringen Menschen aus aller Welt zusammen. Die Zürcherin Simone Ryan etwa hat mit ihren Strickprojekten rund 50.000 Follower gewonnen und ihr Hobby zum Beruf gemacht.
Das Schöne: Einsteigen war nie leichter. Für jede Technik gibt es ein Video, für jede Frage eine Antwort – und im Wollladen um die Ecke persönliche Beratung.
Strick ist wieder Mode
Auch auf den Laufstegen ist Strick zurück. Für Herbst und Winter 2025/26 zeigten große Modehäuser Norweger-Muster, voluminösen Chunky-Strick und Fransen-Pullover. Für 2026 sehen Trendbeobachter moderne Zopfmuster, luftige Lochmuster und feine Oberflächenstrukturen im Kommen.
Für Strickende ist das eine Einladung: Viele dieser Designerstücke lassen sich selbst nachstricken – in der eigenen Lieblingsfarbe und für einen Bruchteil des Preises.
Fazit: Zwei Nadeln, ein Knäuel – mehr braucht es nicht
Stricken ist attraktiv, weil es so vieles auf einmal ist: Entspannung und Kreativität, nachhaltige Mode und Gemeinschaft. Es passt in jede Tasche, kostet wenig zum Einstieg und belohnt mit einem Stück, das man stolz trägt.
Wer es ausprobieren möchte, fängt am besten klein an: ein Schal oder eine Mütze aus etwas dickerem Garn, dazu passende Nadeln – und Geduld mit sich selbst. Die ersten Maschen sind wackelig, das gehört dazu. Und wer Fragen hat, findet in einer Strickrunde oder im Wollladen immer jemanden, der gern weiterhilft.
Quellen